Mercur-Marktanalyse Rizinusöl: Tiefe Preise lassen Anreiz für neue Aussaat sinken

Die weltweite Rekordernte von Rizinus 2011 drückt auf die Preise. Das Handelshaus und ICOA-Mitglied Mercur Handel sieht dadurch den Anreiz für Landwirte schwinden, bei der laufenden Aussaat für die Ernte 2012 erneut Rizinus anzupflanzen. Langfristig rechnet Mercur mit einem kontinuierlichen Wachstum der Nachfrage für neue Märkte wie Biopolymere und Biokraftstoffe.

Düsseldorf – Gute Wetterbedingungen und wachsende Anbauaktivitäten haben in Indien – dem mit Abstand weltweit größten Erzeuger – im vergangenen Jahr zu einer Rekordernte von Rizinus geführt, das für die Herstellung von Rizinusöl (castor oil) verwendet wird. Wie die International Castor Oil Association (ICOA) mitteilte, stieg die weltweite Produktion von Rizinussaat 2011 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 30 Prozent auf einen historischen Höchstwert von 1,57 (2010: 1,2) Millionen Tonnen. Damit haben sich die Erwartungen des Marktes bestätigt, die seit dem Frühjahr zu einer Abschwächung der Preise auf zuletzt 1.300 Dollar geführt hatten. Ende 2011 mussten Einkäufer in Indien noch bis zu 1.800 Dollar für eine Tonne Öl bezahlen.

Der Rückgang der Preise dürfte kaum im Einklang mit den Interessen der in den letzten Jahren erstarkten indischen Landwirtschaft stehen. Die Bauern könnten angesichts der aus ihrer Sicht wenig attraktiven Preisentwicklung geneigt sein, für die kommende Ernte alternative Saaten wie Erdnüsse oder Soja anzupflanzen.

Aktuell ist die Differenz der Verkaufspreise zwischen Rizinus- und Sojasaat deutlich zugunsten von Soja zusammen geschmolzen. Hintergrund dieses möglichen Szenarios ist die gewachsene wirtschaftliche Unabhängigkeit der indischen Bauern in den vergangenen Jahren, durch die sich ihre Handlungsoptionen verbreitert haben. Ein leichterer Zugang zu zinsgünstigen Darlehen etwa federt die ökonomische Notwendigkeit ab, die Ernte unmittelbar nach dem Einholen auch verkaufen zu müssen, um Liquidität zu generieren. Bei einer sachgerechten Einlagerung kann Rizinus über Monate vorrätig gehalten werden. Die stärkere Verbreitung von Markt- und Preisinformationen auch im ländlichen indischen Raum hat den Akteuren zudem Wissen verschafft, um Saaten entsprechend der Preisentwicklung anzubauen und zu verkaufen und so ihre Erlöse zu maximieren.

Da die Rizinussaat etwa zwei Monate vor Beginn des Monsuns ausgebracht werden muss, wird die Entscheidung der Bauern voraussichtlich bis Mitte Juni fallen. Ob es tatsächlich zu einem Rückgang der Anbaumengen kommen wird, wird sich erst rund zwei Monate nach dem Monsun, im vierten Quartal 2012, mit dem Beginn der Ernten auf dem Subkontinent konkreter abschätzen lassen. Aufgrund der vorhandenen Lagervolumina ist bis dahin aus heutiger Sicht mit einer auskömmlichen Versorgungslage des Marktes zu rechnen.

Langfristig sprechen nach unserer Analyse viele Faktoren für eine sukzessiv steigende weltweite Rizinusöl-Nachfrage. Neben der klassischen industriellen Verwendung zur Herstellung etwa von Polymeren und Sebacinsäure – deren Absatz sich in China 2011 innerhalb eines Jahres vervielfachte – wächst auch die Zahl neuer Einsatzgebiete in verschiedenen Industriezweigen, für die der nachwachsende Pflanzenrohstoff auch wegen seiner positiven Klimaschutzeigenschaften von steigendem Interesse ist.

Rizinusöl für Biodieselproduktion
Zweite Kraftstoffgeneration als Alternative zu Soja und Raps

Die Bedeutung von Rizinusöl als Rohstoff für die Produktion von Biodiesel wächst. So haben das israelische Biotechnologieunternehmen Evogene Ltd. und der brasilianische Agro-Konzern SLC Agricola den kommerziellen Anbau von Rizinus im Nordosten Brasiliens in Angriff genommen. Wie die beiden Firmen mitteilten, sollen die Kosten für die Gewinnung von Biodiesel unter Verwendung von Rizinus in Brasilien auf 50 Dollar je Barrel gedrückt werden. Das sei deutlich weniger als für die Biodieselherstellung auf Basis der heute noch dominierenden Rohstoffe Soja oder Raps zu bezahlen sei. Evogene plant, mit eigen gezüchteten Rizinuspflanzen pro Hektar einen viermal so hohen Ölertrag zu erzielen als dem aktuellen weltweiten Durchschnittsniveau entspricht. Während in Deutschland Rizinusöl wegen seiner fehlenden Kältestabilität nicht für die Produktion von Biodiesel zugelassen ist, sehen Experten in Nord- und Südamerika für die Pflanze als Rohstoff eines „Biokraftstoffs der zweiten Generation“ enormes Potential.

Nach Chemieunfall mit Polyamiden:
Rizinusöl als Alternative gefragt

Auf Rizinusöl basierende Bio-Polymere könnten zukünftig für Industrien wie die Automobilzulieferindustrie zu immer wichtigeren alternativen Werkstoffen werden. Das legen die Reaktionen von Industrievertretern nahe, nachdem es im Frühjahr 2012 infolge eines schweren Unfalls in einem Chemiewerk der deutschen Firma Evonik zu Engpässen bei der Versorgung des zentralen Polyamids PA12 gekommen war. Das auf Erdöl basierende PA12 ist ein wichtiger Werkstoff im Automobilbau etwa zur Beschichtung von Kraftstoff- und Bremsschläuchen. Evonik gilt als größter Produzent weltweit. Dass die weltweit expandierende Automobilbranche dem Material eine hohe Bedeutung beimisst, zeigt der Umstand, dass sie zu einem kurzfristig anberaumten Treffen nach Detroiteinlud, um die Folgen der Verknappung zu diskutieren. Der französische Wettbewerber Arkema reagierte auf die kritische Versorgungslage mit der Ausweitung des Angebots von Alternativen auf Basis von Rizinusöl. Nach Auskunft des deutschen Chemiekonzerns BASF, der ebenfalls Polyamide unter  Verwendung von Rizinusöl im Portfolio führt, sind die Biopolymere im Vergleich zu „anderen langkettigen Hochleistungspolyamiden wie PA 12“ technologisch ebenbürtig und wettbewerbsfähig. Nach der Analyse der Produktentwickler Automobil im BASFGeschäftsbereich Engineering Plastics Europe weisen sie zwei zentrale Eigenschaften auf: eine „hohe Hydrolysebeständigkeit, das heißt, eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber heißem Wasser und Wasserdampf sowie eine Spannungsrissbeständigkeit unter dem Einfluss aggressiver Chemikalien“.

Mercur-Marketspot Leinöl:
Unerwartete Russland-Volumina setzen Preise unter Druck

Wie in unserem letzten Marktbericht prognostiziert haben die Preise für Rohleinöl in diesem Frühjahr die Marke von 1.000 Euro je Tonne überschritten und hielten sich bis zuletzt über diesem Niveau. Hintergrund für die robusten Preise war die Lieferschwäche Osteuropas, wo einzelne Produzenten ihre prognostizierten Erntemengen nicht an die Kunden in Europa ausliefern konnten. Die Nachfrageseite deckte sich deshalb kompensierend mit Leinsaat aus Kanada ein. Ende Mai präsentierten sich Lieferanten aus Russland entgegen den Erwartungen des Marktes plötzlich lieferfähig. Die Preise rutschten in der Folge erstmals seit Wochen wieder unter die 1.000 Euro-Marke. Da wir das Gros der potentiellen Abnehmer als bereits gut mit Leinsaat versorgt einschätzen, ist nicht auszuschließen, dass die Volumina aus Russland zu weiter nachgebenden Preisen führen werden. Wie viel unerwartete Spotmengen aus Osteuropa noch in den Markt drängen, kann aufgrund der fehlenden Transparenz der Marktstrukturen in den Anbauländern Kasachstan, Russland und Ukraine nur abgewartet werden. Bisher gingen Marktteilnehmer davon aus, dass 20 Prozent der erwarteten Ernte 2011/2012 bis heute noch nicht eingebracht und damit dem Markt nicht zur Verfügung stehen würden. Nach unseren Erkenntnissen haben die Länder Osteuropas 2011/2012 ihre Produktion auf mindestens 500.000 (Vorjahr: 360.000) Tonnen erhöhen können, damit aber die eigenen Planungen verfehlt.

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